Seit September 1989 hat unsere Remonstrantse Kirchengemeinde Eindhoven (NL) eine sehr lebhafte Partnerschaftsbeziehung zu die Kirchengemeinden Mühlenbeck und Schildow in die Berliner Umgebung und zu ihren Pfarrer Frau dr. Christiane Markert-Wizisla,seit 1-3-2001 Geschäftsführende Pfarrerin Ev. Frauen- und Familienarbeit in Berlin-Brandenburg. Während des letzten Treffens (September 2000) waren die theologische Fragen bezüglich "Vergleichendes Lesens" das Thema. Dieses Kapitel 1B ist eine deutsche Bearbeitung des vorigen Kapitels 1A zugunsten des Treffens
Nur Jesus und die Bibel?
Nur Jesus und die Bibel? So lautet diesmal, liebe Freunde, das Hauptthema unseres Treffens. Wenn Sie unbedingt wollen, kann man es übersetzen in drei subthemata:
- Gibt es Unterschied zwischen Glaube und Religion?
- Wie viele Offenbarungsquellen beantworten für uns die Frage, wie wir leben und sterben sollen?
- Wer macht aus, wer entscheidet,was ich glauben soll?
Merkwürdige Fragen, meinen Sie? So etwas hatten Sie vielleicht nicht erwartet aus dem Munde eines Pfarrers? Christiane Markert z.B. hat bei ihrem Amtszutritt das Barmer Glaubensbekenntnis unterschrieben. Wie alle früheren Glaubensbekenntnisse geboren sind in der Hitze des Kampfes, so ist auch das Glaubensbekenntnis von Barmen geboren im Kampf gegen die nationalsozialistischen Religion. Darin heisst es dann auch, dass es für uns nur eine Offenbarungsquelle gibt, nämlich das Wort Gottes in Christus. Das gibt scheinbar wenig Spielraum. Oder muss man sagen, wie ich es glaube, dass das Wort Gottes viel mehr ist als die Bibel allein und dass die Christusgestalt in unserer Welt viel mehr ist als allein die historische Gestalt des Jesus von Nazareth? Warum, liebe Freunde, habe ich unbedingt darauf bestanden und warum liegt es mir so nah am Herzen, Euch die Frage vor zu legen, ob wir im Gottesdienst nur die Bibel lesen sollen oder auch inspirierte Schriften der Gnostiker und der anderen Religionen. Christiane hatte, wie immer, gewiss recht als sie mir am Telefon sagte: wir kennen noch gar unsere eigenen Quellen nicht, was sollen wir noch mehr heranziehen? Und in ihrer pastoralen Weisheit hat sie auch noch gesagt: bei uns ringt man nicht so sehr zwischen christlichem Glaube und anderen Religionen sondern zwischen Glaubem und Unglaubem. Aber da bin ich nicht so sicher. Darum auch bin ich so beharlich gewesen., weil ich fest daran glaube, dass Menschen, wie sekularisiert sie auch sein mögen, auch immer wieder auf der Suche sind nach Gnade, Wärme und Weisheit, um sich daran widmen zu können.
Die Ausländer?
Nicht einmal die Ausländer sind der wichtigste Grund, unsere Lesepraxis zu erweitern. Sicher, ob es uns gefällt oder nicht, unsere Gesellschaft ist bis in die kleinsten Dörfer multikulturell geworden. Und das schon macht es lebenswichtig, um die weitverbreite Idee zu überwinden, dass die verschiedenen Religionen sich nicht ertragen und eigentlich nur Brennstoff für Streit liefern. Das schon macht es notwendig, uns gegenseitig vertraut zu machen mit einanders religiösen Quellen und Schriften. Nicht nur zufälligerweise von einem begeisterten Pfarrer oder Gesprächskreisführer, sondern systematisch in Beziehung zu den Lektionaren oder liturgischen Lesesystemen unserer Kirchen (Synagogen, Moscheen und Tempel).
Wir selbst, weil die Religion blüht
Nicht einmal die Ausländer sondern wir selbst sind, meiner festen Überzeugung nach, der wichtigste Grund zur Erweiterung unserer Lesepraxis. Fast niemals kamen so viel Leute in diese Kirche als im vergangenen Herbst, als eine emeritierte Kollega-pastorin nach Eindhoven kam, um uns den Anbruch des Aquariuszeitalters zu verkünden auf Grund paranormal wahrgenommener Stimmen. Und aus der Umfrage Gott in den Niederlanden, die es hier alle zehn Jahre gibt, kommt jedes Dezennium heraus, dass man trotz aller Sekularisation in fast alles glaubt, ausgenommen in den von der Kirche gepredigten HerrGott.Wo es in den Buchläden überhaupt noch etwas gibt über Bibel und Theologie, findet man es als ein ganz kleines Unterteil untergeordnet unter Religion oder Esoterik. Und ich bin fast sicher, dass es in Berliner Buchläden genau der selber Fall ist. Jedenfalls bei Bertelsmann on line. Über die unterschiedlichsten religiösen Bedürfnissen geht es alles. Über das Verlangen des heutigen Menschen nicht nur Worten über Gott zu hören, sondern das Göttliche unmittelbar zu erfahren. Seit die Kirchen im Supermarkt der Religionen ihre Monopole verloren haben, basteln die Leute sich je nach Geschmack und Bedürfnis eine eigene Religion zusammen. Sogar Kirchenmitglieder sind mehr und mehr beeindruckt von den verschiedenen alternativen Formen geistlicher Beratung und Heilung: Energiebehand-lungen, Aura lesen, Medialtherapieen von Leuten, die Stimmen hören oder auf andere Art und Weise Auskünfte bekommen aus der geistlichen oder astralen Welt und nicht zu vergessen Regressionstherapieen, um Erfahrungen aus früheren Leben ins heutige zu integrieren. Wie gesagt: viele kümmern sich nicht mehr um die Kirche und nehmen sich eine Religion eigener Herstellung. Auf den Relimarkt, im Supermarkt der Religionen sucht jeder was nach eigenem spirituellen Geschmack. Ich wage eine erste und vorläufige Folgerung: weil Kirche und Christentum verkümmern, blüht die Religion. Sollte das auch ein Grund sein zur Ausbreitung unsrer Lesepraxis? Kann sein ja, kann sein nicht. Ich komme darauf zurück. Aber die erste vorläufige Frage ist allgemeiner: soll es uns freuen dass, wenn auch nicht Kirche und Christentum, wenigstens Esoterik und Religion blühen?
Etwas für naive Kulturprotestanten?
Liberale Protestanten wie die Remonstranten sind seit langem geneigt, alle Religionen nicht nur zu respektieren sondern sie auch, mindestens theoretisch, der eigenen Glaubens-überzeugung gleich zu achten. Deswegen ihre Missionswidrigkeit. Denn Gott offenbart sich nicht nur in den biblischen Religionen. Ebenso waren sie geneigt, alle menschliche Kultur positiv zu bejahen. Weshalb sie manchmal von orthodoxeren Christen als reine Kulturprotestanten dementiert wurden, die in ihren Gottesdiensten und Predigten Schleiermacher, Tolstoj und Ibsen mehr Beachtung schenkten als der Bibel. Ich sagte: liberale Protestanten wáren immer geneigt, alle Kultur und Religionen der Menscheit positiv zu bejahen. Denn …. ihre optimistische (all zu naive?) Lebens- und Menschanschauung wurde durch zwei Weltkriege ziemlich erschüttert, wenn auch nicht ganz zerstreut. Enttäuscht begannen sie seitdem, sei es zögernd, mit Karl Barth Glaube und Religion zu unterscheiden. Christlicher Glaube soll ja nicht nur Kulturbejahend sein, sondern oft auch Kulturkritisch und ziemlich pessimistisch über der natürlichen Gutheit des Menschen. Waren nicht gerade die Kulturprotestanten widerstandslos gewesen gegen den Mythos des 20sten Jahrhunderts und der Nationalsozialistischen Religion?
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Exkurs: Glaube und Religion als Inhalt und Kiste?
Deshalb brauche ich einen kleinen Ausflug über dem Unterschied zwischen Glaube und Religion. Das ist, meiner Meinung nach, absolut notwendig um dem Vorwurf zu entlaufen, dass ich mich blindlings in alle Fallgruben des Heidentums stürzen möchte. Neu ist der besonders von Karl Barth gemachte Unterschied zwischen Glaube und Religion übrigens nicht. Schon in den Psalmen gibt es dauernd Streit zwischen dem wahren Gott, der die Menschen frei macht und den falschen Göttern (Geld, Volk, Macht, Heimat usw.), die die Völker versklaven. Der Inhalt der Bundeslade z.B. hat die Absicht, uns dauernd an unsren Heilsweg zu erinnern (die beiden Gesetztafeln an die Worten des Lebens, der Stab Aarons an den Ruf uns auf dem Weg des Glaubens zu machen und das Manna aus der Wüste an den Auftrag zum Brotteilen). Wenn die Leute das nicht mehr verstehen und sie als Talisman in den Streit werfen, wird sie eine leere Kiste, die buchstäblich zu den Philistern geht. Der Inhalt ist verloren, aber die Kiste ist geblieben. Glauben kann zwar nicht ganz ohne Institut. Aber umgekehrt bedroht jedes geistlos gewordene Institut die Gefahr, von neuen nicht immer heiligen Geisten besetzt zu werden. Dann kommt nur noch ein goldenes Stierkalb heraus, das Anbetung seiner politischen oder wirtschaftlichen Potenz verlangt. Die alte leer gewordene religiöse Form ist leicht zu missbrauchen zur Entzündung religiöse Sentimente unheiliger Art. Kriterium sei: alles was Menschen befreit, ist Glaube an den wahren Gott, alles was Menschen versklavt=bindet (religio=Bindung) an falsche götter ist Religion.
Oder als Frucht und Schale?
Wie nach zwei Weltkriegen Theologen zum genannten Unterschied kamen, lässt sich nachvollziehen. Aber ist damit alles gesagt? Sollen wir seitdem wirklich allen menschlichen Bedürfnissen und Emotionen religiöser Art misstrauen? Sicher, sie sind leicht zu manipulieren. Aber sind sie nicht auch das einzige, das uns rühren, bewegen und motivieren kann? Kann Glaube in Reinkultur bestehen? Ist Glaube ohne Religion nicht ebenso unmöglich wie Apfelsinen ohne Schale? Denn ohne Schale kann doch die Frucht nicht reifen und ohne Frucht hat die Schale Zweck noch Sinn.
Welche Kriterien sind entscheidend?
Iemand hat mir empfohlen zu vermeiden, dass wir den ganzen Tag mit der jeweils eigenen Definition von Religion aneinander vorbei reden. Er hat bestimmt recht. Aber sein Recht ist auch unser Problem. Denn offensichtlich gibt es zwei Religionsdefinitionen: die negative von Religion als Bindung an Götter, die uns versklaven und die positive von Religion als hoch zu achtendem Schwesterglauben. Ist es nun so, dass wir einfach zwischen den zwei wählen können oder ist es nicht so harmlos und bleibt immer die Frage, wie zu unterschieden ist zwischen wahrer und falscher Religion. Vielleicht ist es besser nicht so sehr auf die Ursprünge religiöser Empfindung zu achten als auf die Effekte/Auswirkungen. Was bewirkt Religion? Macht sie ein Mensch liebensfähiger und eine Gemeinschaft heilvoller oder gerade das Gegenteil? Nach dieses Kriterium kann alles ein Irrgott werden, selbst der biblischer Gott. Aber nach dieses Kriterium kann auch in andere Kulturen und Religionen die wahre Liebesgeist gespürrt werden. Sollen wir vielleicht das Begriff Religion redefinieren? Ist was die Bibel und Karl Barth Religion nennen nicht etwas ganz anderes als die von uns hoch zu achten grosse (und viellicht auch kleinere) Weltreligionen? Müssen nicht álle Religionen inklusiv das Chistentum dauerhaft geprüft werden auf Betrug und Abgötterei im biblischen Sinne? Ist Zusammenarbeit darüber zwischen die Weltreligionen nicht unentberlich für Friede und Gerechtigkeit in unser Welt
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Zusammenarbeit der Weltreligionen?
In dem Exkurs hoffe ich Sie davon überzeugt zu haben dass in erster Instanz nicht der Herkunft der Texten aber ihre Wirkung entscheidend ist. Wer war es auch gleich, der sagte: "an ihren Früchten soll man den Baum kennen"? Und so komme ich jetzt, wie versprochen, zurück auf die Frage ob neben den Globalisierung als erstem Grund die New Age-Tendenzen nicht ein zweiter und vielleicht noch wichtiger Grund sein sollen zur Ausbreitung unserer Lesepraxis? Das alles zu ignorieren wäre m.E. jedenfalls keine Weisheit. Denn was fehlt uns in unseren traditionellen Kirchen und Glaubensgemeinschaften? Eine sich für Zeit und Welt verantwortlich fühlende Kirche sol die Leute aufwecken im Leben ihre eigene Wahl zu machen ohne sie doch allein zu lassen. Denn es ist nicht so leicht die Geister zu unterscheiden. Uns (Remonstranten) sind die individuelle Autonomie und die redliche Verantwortung des Glaubens gleich wichtig. Das bei einander halten dieser zwei kann, hoffen wir, spirituellen Schwindel und Mischmasch in unseren Seelen und Gedanken verhindern. Und das macht es zum anderen wichtig alles was die Leute vom Relimarkt, sei es Weisheit aus dem Orient sei es Gnostik aus New Age-kreisen, nicht zu ignorieren und zu vermeiden aber in der Glaubensgemeinschaft zu prüfen, zu testen. Grosse Frage dabei ist: wie kann das so unternommen werden dass es auch wirklich früchtbar sei? Schon beim einfachen Bibellesen geht viel schief wenn man die Texte aus ihren Zusammenhang reisst. Wer so hantiert mit ausserbiblischen Texten lässt sie gewiss Bauchreden.
Ist vergleichend Lesen in biblischen Rahmen möglich?
In Eindhoven haben wir uns vorgenommen im Saison 2000-2001 in Gemeindetreffen, Gespächskreisen und Gottesdiensten zu versuchen, ob und wie es möglich sei in biblischen Rahmen Texten aus anderen Religionen zu lesen ohne sie zu verstümmeln. Und mit Freude laden wir unsre Mühlenbecker und Schildower Freunden ein um gemeinsam dazu eine erste Probe aufs Exempel zu unternehmen.
Diskussionsfragen
Heute suchen viel Menschen sonstwo das, was sie offenbar in der Kirche nicht (langer) finden.
1.Was fehlt ihnen (uns), was suchen sie (wir)?
2.Soll dafür in der Kirche reichlich Platz gemacht werden?
3.Für alles? Für was bestimmt und für was bestimmt nicht? Gibt es Zulassungsbedingungen?
4.Karl Barth sagte: „Religion is Unglaube und jede andere Offenbarungsquelle als das Wort Gottes in
Christus soll zurück gewiesen worden". Was kann er damit gemeint haben und hat unsres Thema etwas
damit zu schaffen?
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Interreligieus lezen in bijbelse context (om Dirk Monshouwer te gedenken)